Lübecker Nachrichten

Rotmilan von Windkraftanlage getötet (24.09.2013)

Am Wochenende wurde bereits der vierte dieser unter Schutz stehenden Vögel Opfer der Anlagen im Tralauer Windpark.

Groß Niendorf/Tralau (spr) - Ein außergewöhnliches Naturschauspiel war am Wochenende über der Feldmark zwischen Groß Niendorf und Tralau zu beobachten. Am Freitag suchten 18 wohl überwiegend auf dem Durchzug befindliche Rotmilane in diesem Bereich nach Nahrung. Dort stehen vier Windkraftanlagen, die von den seltenen Vögeln regelmäßig passiert oder überflogen wurden. Einer der Rotmilane ist am Wochenende offenbar von einem der Windräder geköpft worden. Wie der Greifvogelexperte^des Naturschutzbundes (Nabu), Dr. Hans Wirth (Foto), den LN sagte, hatte ein Anwohner am Sonnabend den Vogel am Fuße eines der Türme gefunden. Dieser Vorfall dürfte die Diskussion um die geplanten Windräder in Groß Niendorf neu anfachen.

Wirth wurde informiert und machte sich ein Bild vor Ort: "Bei der Kollision waren dem Milan der Kopf und ein Teil des linken Flügels abgetrennt worden, aus den Wunden trat noch Körperflüssigkeit aus. Obwohl der Vogel frischtot war, konnten die fehlenden Körperteile trotz intensiver Suche nicht gefunden werden.“ Wahrscheinlich seien diese schon von anderen sich dort aufhaltenden Greifvögeln gefressen worden. Als Wirth an der Stelle war, hätten sich dort vier Rotmilane und vier Mäusebussarde aufgehalten.

Bei dem Rotmilan – eine streng geschützte Vogelart – handelte es sich nach Wirths Untersuchung um einen männlichen Altvogel, der seine Mauser fast abgeschlossen hatte. Die Schwanzfedern des frischen Gefieders seien in dieser Jahreszeit besonders intensiv rot gefärbt. Der Vogel hatte eine stattliche Spannweite von 1,58 Meter.

Wirth: "Nach 2009 ist dieses bereits der zweite Rotmilan, der an der Windkraftanlage mit der Kennung V 14081 zu Tode gekommen ist. 2012 waren bei der Ernte zudem bereits stark mumifizierte Reste von zwei weiteren Rotmilanen in diesem Windpark gefunden worden. Insgesamt sind bisher also mindestens vier Rotmilane an den Windkraftanlagen in Tralau umgekommen.“ Wie berichtet, sollen in der Nähe, auf Groß Niendorfer Gemeindegebiet, drei weitere Windräder gebaut werden, gegen die eine Bürgerinitiative zu Felde zieht.

Nach dem Mäusebussard gilt der Rotmilan als jene Greifvogelart, die am häufigsten an Windkraftanlagen zu Tode kommt. Wirth: "Der Rotmilan ist ein Segelflieger. Und als Geier des Nordens“, der totes und lebendes Fleisch frisst, "ist er ständig im Gleitflug und schaut nach unten nach Beute. Der Rotmilan ist also sehr lange in der Luft und kommt daher häufiger als andere Vogelarten an Windrädern zu Schaden.“ Man müsse wissen, dass die Außenspitze eines Rotorblattes sich mit weit über 100 km/h bewege. Bisher seien in Deutschland 193 Todesfälle von Rotmilanen (auch Gabelweihen genannt) an Windkraftanlagen dokumentiert. Aus Schleswig-Holstein waren bisher lediglich drei Kollisionsopfer gemeldet worden. Da es sich in Regel um Zufallsfunde handelt, sei von erheblich mehr Todesopfern auszugehen, so Wirth. Der Rotmilan ist ein seltener Brutvogel. Die landesweite Bestandsaufnahme 2011/2012 ergab eine Anzahl von 130 bis 150 Brutpaaren, davon circa 15 in Stormarn und circa 20 in Segeberg.

Bei einer weiteren Kontrolle am Sonntagnachmittag stellte Wirth in dem Gebiet dann mindestens 63 dieser Vögel fest. "So viele Rotmilane habe ich noch nie gesehen“, sagte der Experte in Sachen Rotmilan.

Es sei "vermutlich die größte bisher festgestellte Ansammlung dieser Art in der schleswig-holsteinischen Kulturlandschaft gewesen“.

Über die Herkunft der Vögel könne nur spekuliert werden. Wirth geht davon aus, dass die Vögel vor allem aus Schweden und Dänemark, aber durchaus auch aus Schleswig-Holstein kamen und auf dem Flug ins Winterquartier, vermutlich Spanien, waren. Bei der erneuten Kontrolle der Windkraftanlagen wurde glücklicherweise kein weiteres Todesopfer gefunden.

Kurios: Die massenhafte Zusammenkunft der Rotmilane sei genau dort gewesen, wo die neuen Windkraftanlagen in Groß Niendorf geplant werden. Wirth: "Als wenn sie jemand bestellt hätte.“

Foto und Text: Christian Spreer

Lübecker Nachrichten

Artikel vom 24.09.2013, mit freundlicher Genehmigung der Lübecker Nachrichten

(aktuell bis 24.09.2013 - der Artikel wurde 3534 x aufgerufen)


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